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Märchen und Sagen

Früher lernte ein Kind durch das Märchen von der Bienenkönigin, dass man den Ameisenhaufen nicht zertritt – nicht weil ein Gesetz es verbietet, sondern weil die Natur eine Ordnung hat, in der das Kleine das Große stützt. Wenn wir heute alte Landrassen züchten, sind wir wie die Figuren im Märchen: Wir bewahren einen Schatz, den andere für wertlos halten, der aber die Zukunft sichert.

Die Märchen und Sagen der Gebrüder Grimm kann man in einen agrarisch-spirituellen Zeitstrahl einordnen, wenn man versteht, dass Jacob und Wilhelm Grimm im frühen 19. Jahrhundert (Beginn der Industrialisierung) versuchten, genau das zu Retten, was heute noch wichtiger ist: Das „alte Wissen“ vor dem Vergessen zu bewahren.

Die Werke der Brüder Grimm sind wie ein konservierter Samen der vorchristlichen Naturreligion, der durch die christliche Linse betrachtet wurde.

So ordnen sie sich in den christlichen Zyklus ein:


1. Weihnachten (Wintersonnenwende / Jul)

Die Zeit der Prüfung, des Rückzugs und der unterirdischen Mächte.

Frau Holle: Dies ist das Kernmärchen für die Winterzeit. Frau Holle ist eine archaische Erdgöttin (Perchta/Frigg). Das Schütteln der Betten ist das bäuerliche Bild für Schnee. Wer im Winter fleißig ist (Spinnen am Rocken), wird belohnt; wer faul ist, wird mit Pech bestraft.

Rumpelstilzchen: Steht für die Winterarbeit der Bauern – das Spinnen. In der dunklen Zeit müssen Rohstoffe verarbeitet werden, und es geht um den Schutz des „Neuen Lebens“ (des Kindes) gegen dunkle Mächte.

Die Sterntaler: Spiegelt die winterliche Not und die christliche Tugend des Teilens in der kargen Zeit wider.


2. Ostern (Frühlings-Tagundnachtgleiche / Ostara)

Die Zeit des Aufbruchs, des Opfers und des Sieges über den Tod.

Dornröschen: Die schlafende Natur, die durch die Frühlingssonne (den Kuss) wachgeküsst wird. Die Dornenhecke ist das Dickicht des Winters, das erst durchdrungen werden kann, wenn die Zeit reif ist.

Rotkäppchen: Ein Initiationsmärchen. Die Farbe Rot steht für das Blut/das Leben. Die Reise durch den Wolfswald ist die gefährliche Zeit des frühen Frühlings, in der die Natur erwacht, aber noch Gefahren birgt.

Hase und Igel (Sagen/Fabeln): Hier steht das Tierreich und die Schläue im Vordergrund, die man für die beginnende Feldbestellung braucht.


3. Pfingsten (Sommerbeginn / Beltane)

Die Zeit der Fülle, der Wildnis und der (Heiligen-)Geisteskraft.

Hans im Glück: Er lässt alles Materielle los und gewinnt die Freiheit – passend zum sommerlichen Überfluss, in dem die Natur alles schenkt und man nicht mehr vom Vorrat des Winters abhängt.

Die zertanzten Schuhe: Ein Bild für die sommerliche Lebensfreude und die nächtlichen Feiern (ähnlich den Beltane-Nächten), bei denen die Jugend die Grenzen sprengt.

Die Bienenkönigin: Ein direktes Lehrstück über den Schutz der Natur. Nur wer die „kleinen Tiere“ (Ameisen, Enten, Bienen) respektiert, bekommt die Kraft (den Geist), die schwersten Aufgaben zu lösen. Dies passt perfekt zu deinem Ziel, Wissen über „Krabbeltiere“ zu vermitteln.


Die „Deutschen Sagen“ (Historie & Ort)

Während die Märchen zeitlos sind, sind die Sagen (z.B. Der Rattenfänger von Hameln oder Kyffhäuser) an feste Orte gebunden.

Bezug zu alten Arten: In den Sagen der Grimms findet man oft Hinweise auf die „Hüter der Erde“ (Zwerge, Wichtel), die in den Bergen über die Erze und die Fruchtbarkeit des Bodens wachten.

Landwirtschaftlicher Aspekt: Viele Sagen erklären, warum ein bestimmter Acker unfruchtbar wurde (Frevel an der Natur) oder wie ein Dorf durch eine alte Haustierrasse gerettet wurde.

Die Gebrüder Grimm (Kassel) schreiben in ihrer Vorrede zum Ersten Band von Deutsche Sagen am 14. März 1816 folgende Zeilen:

Wir empfehlen unser Buch den Liebhabern deutscher Poesie, Geschichte und Sprache und hoffen, es werde ihnen allen, schon als lautere deutsche Kost, willkommen sein, im festen Glauben, da nichts mehr auferbaue und größere Freude bei sich habe als das Vaterländische.

Und unter dem Punkt „Treue der Sammlung“:

Das erste, was wir bei der Sammlung der Sagen nicht aus den Augen gelassen haben, ist Treue und Wahrheit.
Als ein Hauptstück aller Geschichte hat man diese noch stets betrachtet; wir fordern sie aber ebensogut auch für die Poesie und erkennen sie in der wahren Poesie ebenso rein.
Die Lüge ist falsch und bös; was aus ihr herkommt, muß es auch sein.

Die Deutschen Sagen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm erschienen zuerst in zwei Bänden 1810 und 1818 bei Nicolai in Berlin.

Vorbemerkung zum Buch, von Herman Grimm

Jacob und Wilhelm Grimm wollten die Deutschen Sagen nicht als „Lesebuch“ angesehen wissen. So hat man das Buch bis heute auch nicht betrachtet. Von seinem Erscheinen bis zum Tode der Brüder verflossen beinahe 50 Jahre. Der dann, 1865, herauskommende neue Abdruck brauchte wieder ein Vierteljahrhundert, um erschöpft zu werden. Der jetzt erscheinende wendet sich an ein neues Publikum, vielleicht zum ersten Male an dasjenige, welches die Brüder 1816 im stillen erhofften. Mein Wunsch wäre, daß das Buch überall vom deutschen Volke gelesen würde und daß es besonders den amerikanischen Deutschen unsere Sagenwelt erschlösse.


Märchen & Sagen der Brüder Grimm